Die Hauptkadettenanstalt
(1865 - 1920)

Am 15.08.1878 wurde die Hauptkadettenanstalt durch die Kadetten aus der Neuen Friedrichstraße bezogen.
Der erste Eindruck wird wie folgt geschildert: "Diese roten Backsteinkasernen, die kahlen Exzerzierhöfe, und der Paradeplatz mit seinem ebenso symmetrisch wie kümmerlichen Baumbestand waren nicht dazu angetan, eine behagliche Stimmung aufkommen zu lassen.... .
Selbst der Erzengel Michael auf der Spitze der Anstaltskirche mit seinem hoch geschwungenen Säbel glich mehr einem strengen Feldwebel in Unterröcken als einem himmlischen Boten, den man sich doch gutmütig und hilfsbereit vorzustellen pflegt."
(Nachzulesen: Peter Murr: Hinter den roten Mauern von Lichterfelde)
Die Kadettenanstalt von Süden

Errichtete Gebäude

Zum Zeitpunkt des Einzugs gab es auf dem Gelände folgende Gebäude:

  • das Direktionsgebäude als architektonischer Mittelpunkt der Anstalt
  • Zwei Kirchen in einem Gebäude. Erzengel Michael stand auf dem Turm der Kirche, zusammen wurde damit eine Höhe von 62,35 m erreicht
(... die evangelische Kirche im Erdgeschoss für 1000 Personen und die katholische Kapelle im Turm für 150 Personen)

Dazu Dienstwohnungen für Bataillonskommandeure, Professoren, katholischen Predigern, Schreibern usw.

  • das Unterrichtsgebäude mit Aula, 37 Lehrklassen, physikalischem Kabinett, Bibliothek, Gesang- und Zeichensäle u.a. mehr

In diesem Unterrichtsgebäude befand sich der Feldmarschallsaal. Er ragte durch zwei Stockwerke und enthielt in seiner geteilten Decke Materialien und Darstellung der preußischen Tugenden.
In einem 2,8 m hohen Eichenholz-Paneel, welches den Saal umgab, befand sich die Porträtsammlung preußischer Feldmarschälle.
Der Degen Napoleons I.. erbeutet durch Blücher, befand sich ebenfalls in diesem Saal.

  • das Ökonomie (Wirtschafts-) Gebäude mit Speisesaal für 880 Kadetten, Bäckerei, Küche und sonstiges
  • vier Kasernen mit Unterbringung von jeweils 216 Kadetten, Badelokalen und Wohnungen
  • das Kommandantenhaus mit Dienstwohnungen und Stallungen
  • das Beamtenhaus
  • das Lehrerwohnhaus (es befand sich außerhalb der Umfriedungsmauer)
  • ein Lazarett- und Verwaltungsgebäude einschließlich Dienstwohnungen
  • ein Krankenblock
  • ein Isolierblock
  • eine Wasch- und Badeanstalt
  • eine 496 qm große bedeckte Reitbahn sowie Stallungen für 60 Pferde

Die Hauptkadettenanstalt war mit der Hauptfront (Direktionsgebäude) nach Süden angelegt. Davor lag ein Geländeübungsplatz, die sogenannte Südfront.

1880 - 1882 wurde nachträglich ein freistehendes Offizierskasino erbaut. Dieses Gebäude befand sich zwischen Turnhalle und Wirtschaftsgebäude.

Auf dem Gelände der Hauptkadettenanstalt gab es zwei Denkmäler.
1878 wurde der Flensburger Löwe (auch Idstedter Löwe) genannt, auf einem Sockel im Innenhof vor dem Kommandantenhaus aufgestellt. Er war drei Jahre nach dem preußischer Sieg über Dänemark (1864) als Kriegstrophäe nach Berlin gekommen und hat seine eigene Geschichte.
Das zweite Denkmal bildeten die Reste des Portals vom alten Kadettenhaus in Berlin. Es befand sich gegenüber dem Löwen am anderen Ende des großen Exzerzierplatzes vor dem sogenannten Beamtenhaus.

Der Flensburger (Isteder) Löwe

Eine ausführliche Beschreibung der Kadetten findet sich im Standardwerk von Karl- Hermann Freiherr von Brand / Helmut Eckert: Kadetten: Aus 300 Jahren deutscher Kadettenkorps, Bd. 1, München 1981

Die Schließung der Hauptkadettenanstalt wurde für den 10. März 1920 bestimmt. Nach Artikel 176 des Versailler Vertrages mussten alle vormilitärischen Einrichtungen innerhalb von zwei Monaten nach seiner Ratifizierung schließen. Den Akt beschloss wie alljährlich eine Parade der Kadetten.

Besondere Ereignisse im Leben der Kadetten

11.06.1880 Besuch Kaiser Wilhelm des I.

16.05.1881 Jungfernfahrt der ersten elektrischen Straßenbahn der Welt zwischen den heutigen S-Bahnhof Lichterfelde-Ost und der Hauptkadettenanstalt. Ihre Geschwindigkeit = 40 km/ h. Diese Straßenbahn verschwand im Jahre 1966.

21.06.1890 Parade in der Hauptkadettenanstalt vor Kaiser Wilhelm II.

1908 Flug des Luftschiffs "Graf Zeppelin" L 2 III über der Hauptkadettenanstalt

Die Kadetten rekrutierten sich aus Söhnen des Adels und verdienter Bürger. In den Jahren vor dem 1. Weltkrieg entließ die Hauptkadettenanstalt jährlich etwa 320 Kadetten, wovon etwa ein Drittel für die Offiziersausbildung blieb. Kadetten galten als Bestandteil der Garde, der Elitetruppe des Kaisers, und genossen hohes Ansehen im Heer.